18.05.2012 Mode Depesche     <<< 0  
           
 

Tränen für Romeo



Zuerst geht ein Raunen durch's Publikum. Man klatscht zögernd, dann immer öfter. Vereinzelt ertönen Schreie des Entzückens. Man spürt es körperlich, dass sich da etwas zusammenbraut. Schließlich entlädt sich die aufgestaute Spannung in einem nicht endenwollenden Applaus, in Bravogeschrei und Fußgetrampel. 
Shakespeare persönlich hätte die Sache nicht dramatischer inszenieren können: Wie eine Bombe schlug der erste Auftritt Romeo Giglis im März 1989 in Paris ein und stellte die versammelte Modewelt auf den Kopf.
Erster Akt des Modedramas: „Nein, Signor Gigli zeigt heuer seine Kollektion nicht in Mailand, sondern erst während der französischen Modeschauen in Paris“, lautet zunächst die höflich lapidare Auskunft seiner Pressesprecherin.
Zweiter Akt: Als es dann so weit ist, ist die Erwartung des Publikums – Modefachleute, Einkäufer und Presse aus aller Welt, gespickt mit einigen prominenten Mode-Adabeis – zwiespältig. Abgeklärt einerseits und doch gespannt, wartete man darauf, wie sich der scheue Italiener im erbarmungslosen Paris bewähren würde.
Dritter Akt: Die Schau in einem Zelt im Hof des ehrwürdigen Louvre beginnt. Langsam schreiten die Models, eines nach dem anderen, die eine Seite des langen Laufstegs hinauf, die andere hinunter. Ohne Pause, ohne Zögern, ohne Drehung, ohne Firlefanz. In der ersten Reihe sitzen Paloma Picasso, Azzedine Alaia und einige andere Designer-Kollegen und Dawn Mello, Chefin des New Yorker Luxusmodehauses Bergdorf Goodman. In ihren Gesichtern spiegeln sich deutlich die wechselnden Empfindungen: Professionelles, cooles Interesse schlägt bald um in elektrisiertes Staunen, dann in Begeisterung und schließlich in fassungslose Bewunderung. So geht es allen.
Vierter Akt: Ende der Präsentation. Das Publikum tobt, jubelt, klatscht, schreit, trampelt mit den Füßen, skandiert „Ro-me-o, Ro-me-o“, hat Tränen in den Augen. „Ich kann das einfach nicht glauben“, stammelt eine völlig geschaffte Dawn Mello. „Den bringen wir jetzt ganz groß raus.“
Eine solche Orgie der Ovation hat es in Paris noch nicht gegeben. Nicht einmal für das legendäre Debüt von Christian Lacroix drei Jahren zuvor. Doch der siegreiche italienische Eroberer erscheint nicht. Nicht nach zweiminütigem Applaus, nicht nach zehn Minuten und auch nicht nach einer Viertelstunde. Selbst fassungslos, steht er hinter der Bühne und flüstert mehr zu sich selbst: „Ich kann es nicht glauben, dass das passiert ist.“ Dann wogt die Sturmflut der hingerissenen Gratulanten über ihn hinweg.
Auch in Mailand war Romeo Gigli am Ende seiner Präsentation nicht vor den Vorhang getreten. Er liebte es nicht, im Scheinwerferlicht zu stehen. „Ich habe mein Leben, inklusive Privatleben, nicht eine Minute anders gestaltet, seit ich erfolgreich bin“, erklärte er damals stolz. Lange Zeit gelang es ihm zu verhindern, dass sein Bild durch sämtliche Modezeitschriften geisterte. Er ließ sich ganz einfach nicht fotografieren.
„Dieser Überschwang an Gefühlen, den meine Kleider hervorrufen, überrascht mich immer wieder“, versicherte er später, auf sein Pariser Erlebnis angesprochen. „Ich entwerfe Dinge, die mir persönlich gefallen. Sie sind so sehr ich, so unkonstruiert, dass sie mir selber ganz normal vorkommen. Und dann werden sie wie etwas ganz Neues aufgenommen. Aber es sind wirklich die einfachsten Dinge.“ Tatsächlich aber riefen Gigli-Modelle nicht wie die der anderen Designer einfach nur Zustimmung oder Ablehnung hervor, sondern weckten mitreißende Emotionen. Wie Shakespeares Romeo war Gigli von Montagues und Capulets, von Liebe und Hass umgeben.
Zwei Beispiele: „Wenn ich seine Sachen sehe, werde ich immer wieder fast ohnmächtig vor Begeisterung. Es ist alles so schön, dass ich am liebsten gar nichts verkaufen möchte, sondern alles für mich behalten“, schwärmte Boutiquechefin Eva Chegini, die Gigli-Mode nach Wien und dort eher aus Begeisterung denn mit Gewinn unters Volk brachte. „Wenn eine Jacke im Einkauf 40.000 Schilling (2.800 Euro) kostet, dann kann man den Verkaufspreis zumindest bei uns nicht nach den normalen Regeln kalkulieren. Da schlage ich höchstens noch meine Spesen darauf.“
Dagegen ein „Montague“: „Seine Kleider sind der missglückte Versuch, originell zu sein. Einerseits sind die Schnitte ungeheuer streng und unanatomisch, andererseits versucht Gigli, das mit zarten Stoffen zu verstecken. Auf botticellihaften Puppen mag das schön ausschauen. Eine berufstätige Frau kann sich darin nicht bewegen. Für mich sind das Frauen im Stoffkorsett, a-feminin auf Twiggys hingetrimmt. Unerotisch und steif, trotz barocker Üppigkeit.“
Die meisten Fachleute jedoch sahen es anders. Sie attestieren Romeo Gigli, die Modewelt mit seiner schlichten, puritanischen und trotzdem poetischen Kollektion 1986 revolutioniert zu haben. Er befreite die Schultern der Frauen schon damals von den Bergen von Polstern, nähte zarte Ärmel daran, ließ die Taille etwas nach oben rutschen. Typisch auch seine schmalbrüstigen Konfirmandenanzüge mit Zigarettenhosen. Er fand immer wieder neue Kragenformen, die das Gesicht der Trägerin hervorheben und verwendete eine raffinierte Mischung aus elastisch-figurbetonenden und zartfließenden Stoffen.
„Stretch-Stoffe sind sehr nützlich. Man kann damit sehr viel machen, ohne tausend Nähte anbringen zu müssen“, verriet Gigli ein Geheimnis seiner reduzierten Schnitte. Niemand wurde Ende der 80er Jahre öfter kopiert als er. Seine über der Brust gekreuzten Tops wurden bis ins billigste Warenhaus nachgemacht und überschwemmten zwei Sommer lang die textile Welt. Seine staubige Gewürz-Farbenpalette beeinflusste die Kollegenschaft. Abends musste man, wenn schon nicht eine irisierende Bluse, zumindest einen Schal mit Moiré-Effekt um den Hals tragen.
Eva Chegini nach dem Debüt: „Seine Mode verkörpert einfach das, was jetzt in der Luft liegt. Das war vor Jahren mit Giorgio Armani so. Er hat den Blazer ‚erfunden' und alles andere war gestorben. Jetzt ist Gigli da. Er geistert durch alle Kollektionen. Vor allem die intellektuelle Jugend fährt voll auf diese Mode mit aristokratischem Touch ab.“
Die Liebe zu schönen Dingen bekam er bereits in die Wiege gelegt. 1950 wurde Gigli in Castel Bolognese in der italienischen Provinz Faenza als Einzelkind geboren. Seine Familie sammelt und verkauft antike Bücher. Stunden und Tage blätterte der kleine Romeo in diesen kostbaren Schätzen, die ihn sehr geprägt haben.
Er begann Architektur zu studieren, brach aber nach „großen familiären Problemen“ das Studium ab und ging auf Reisen. Von dort – aus China, Ägypten, Südamerika, Ibiza – brachte er immer die schönsten Stoffe mit, schneiderte Freunden und Bekannten daraus Kleider, die bald sehr gefragt waren. Schließlich blieb er in New York hängen und lernte das Schneiderhandwerk im Atelier Dimitri von der Pike auf. Nach Italien zurückgekehrt, entwarf er zunächst unter dem Namen „Callaghan“ Kollektionen, ehe er 1984 sein eigenes Modekonzept unter eigenem Namen in Mailand präsentierte.
Zurück ins Paris des Jahres 1989: Was man nicht für möglich gehalten hätte, schaffte der empfindsame Romeo eine Saison später problemlos. Seine Frühjahrskollektion war noch schöner, noch extravaganter, noch poetischer, noch prachtvoller als jene des Debüts. Einige Modelle waren mit mundgeblasenen kleinen Glasfiguren geschmückt, die aufgereiht auf Schnüren von der Taille zu Boden hingen oder die Ohren schmückten. Bei jedem Schritt klingelten die durchscheinenden Gebilde, wenn sie gegeneinander stießen, wie zarte Glöckchen, manche zerbarsten dabei und fielen zu Boden.
Keck führte Romeo Gigli etwas in die Mode ein, das bisher bildenden Künstlern vorbehalten gewesen war. Von den aufwendigst gestalteten Modellen gab es weltweit nur eine limitierte Auflage von höchstens 30 Stück, jedes handsigniert. Klar, dass sich solcher Luxus im Preis niederschlug. Sein teuerstes Stück, ein goldbestickter, voluminöser Mantel kostete umgerechnet rund 40.000 Euro. „Ich habe dabei an die byzantinische Kaiserin Theodora gedacht,“ erklärte Gigli. „Es ist mir egal, ob jemand diese Modelle kauft. Ich habe sie gemacht, weil sie mir gefallen.“
Was Gigli ganz offensichtlich fehlte, war kaufmännisches Interesse. Er begann sein Geschäft 1984 mit zwei Partnern, Carla Sozzani, zu diesem Zeitpunkt Chefredakteurin der italienischen Vogue, und deren Lebensgefährten Donato Maino. Romeo spielte den kreativen Part in dieser Verbindung, Carla gab ihren Job auf, um sich um den Aufbau des Geschäftes zu kümmern, Donato regelte die Finanzen. Man fuhr zusammen in Urlaub und verbrachte Weihnachten gemeinsam. Ende 1990 tauchten dann die ersten Gerüchte über eine Trennung auf, und im März 1991 ging zunächst Romeo Gigli mit einer bitteren Anklage an die Öffentlichkeit: Er fühle sich betrogen, ausgenommen und reingelegt. Obwohl die verschiedenen Gigli-Geschäfte einen Umsatz von umgerechnet rund 70 Millionen Euro gebracht hätten, sei er mit einem Jahresgehalt von 200.000 Euro abgespeist worden. Dazu habe man ihm seine Wohnung und eine Putzfrau bezahlt. Gigli wünschte jedenfalls alle Verträge mit dem ehemaligen Freundespaar zu kündigen und sich ganz auf eigene Füße zu stellen.
„Romeo hat sich in all den Jahren nie um Zahlen oder sonst was gekümmert, jetzt will er plötzlich alles genau wissen. Vielleicht hat er eine Identitätskrise“, war die Retourkutsche von Donato Maino. Er müsse nun mühsam die komplizierten Verflechtungen von mündlichen Vereinbarungen und schriftlichen Arrangements, von privaten und geschäftlichen Dingen entwirren. Die Frage, mit wie viel Prozent Gigli an den verschiedenen Geschäften beteiligt sei, ließe sich nicht so einfach beantworten.
„Stellen Sie sich vor, Sie sind verheiratet, und alles, was Sie besitzen, gehört auch der anderen Person. Man kann nicht mehr sagen, was dem einen und was dem anderen gehört“, erklärte Donato Maino seine Sicht der Dinge in einem Interview mit Women's Wear Daily. Per Rechtsanwälten und vor Gericht wurde die Sache schließlich einigermaßen geregelt. Immerhin gab es da inzwischen Boutiquen in Paris, Tokio und New York (die zum Teil seinem japanischen Produzenten Takashimaya gehörten), ein Damen- und ein Herrenparfum („Romeo“ und „Romeo Gigli per Uomo“), die dazugehörige Badelinie und Accessoires.
Die Produzenten hielten jedenfalls Romeo die Treue. Ermenegildo Zegna wollte weiter für seine Herrenkollektion und Stefanel für seine Zweitlinie G Gigli verantwortlich sein. Der italienische Konzern Zamasport, der Giglis Damenkollektion produziert, stellte sich voll und ganz hinter den enttäuschten Romeo und bot ihm jegliche Unterstützung, damit er seine Herbstkollektion Ende März 1991 doch noch auf den Laufsteg bringen konnte.
Ein Jahr brauchte Romeo Gigli, um sich ganz von diesem Schock zu erholen. Im März 1992 bat er dann zum Defilee in die Pariser Börse. Wie ein Schneckenhaus wand sich der Laufsteg in der Mitte des runden Gebäudes um sich selbst. Den hohen, dunkelblauen Plafond schmückten Sterne und andere Himmelskörper. Und die Kollektion schien auch nicht von dieser Welt zu sein. Wie von Wunderklängen beschworen, stieg eine zauberhafte Eurydike nach der anderen aus der Unterwelt empor, kreiste einmal um den Laufsteg und verschwand langsam wieder nach unten. Das konnten einfach nicht Mädchen aus Fleisch und Blut sein, die sich da in schimmerndem Samt, schillerndem Kunststoff und glitzernden Drahtgeflechten präsentierten, eher schon boticellihafte Engel und zarte Märchenfeen. Traumgewänder für traumhaft schöne Mädchen. Giglis Modeschau war wieder Stadtgespräch. Eilt man dann zu ihm, um sich für dieses wunderschöne Erlebnis zu bedanken, wehrt er bescheiden ab: „Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.“
Zu den künstlerischen Erfolgen wollten sich die geschäftlichen jedoch nicht mehr einstellen. Weitere böse Gerüchte von gestohlenen Schnitten und kopierten Entwürfen machten die Runde. Gigli heiratete, bekam ein Kind, seine Firma jedoch wechselte mehrmals den Besitzer. Statt Träume produzierte er im neuen Jahrtausend (gezwungenermaßen?) kommerziellere Dinge. Ein böses Erwachen für seine Fans.
Sie halten ihm trotzdem die Treue. Und tragen noch heute die grandiosen Modelle von einst, die in ihrer Modernität klar beweisen, wie weit voraus Romeo Gigli seiner Zeit war.

Brigitte R. Winkler