18.05.2012 Mode Depesche     <<< 0  
           
 

Mr. Pearl



Mr. Pearl ist ein Genie. Aus seiner Hand stammen die aufregendsten Corsagen, die die Modewelt im Laufe der Jahre bei Christian Lacroix, Thierry Mugler, Vivienne Westwood, John Galliano und auch in der letzten Männerkollektion Walter van Beirendoncks bestaunen konnte.
Mr. Pearl umfing Kylie Minogue für ihre „Showgirl“-Tournee 2005 mit einer betörenden Corsage, und auch Victoria Beckham bewies erstaunlicherweise guten Geschmack, denn ihre Hochzeitscorsage stammte – natürlich – von Mr. Pearl.
In Südafrika geboren, verschlug es Mr. Pearl zunächst nach London, seit einigen Jahren lebt und arbeitet er in Paris.
Der Meister der Corsage trägt selbst 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche ein Korsett und reduzierte so seine Taille auf einen atemberaubend geringen Umfang.
Wie eine gute Corsage funktioniert und warum es unumgänglich ist, sich Zeit für seine Ziele zu nehmen, verrät Mr. Pearl im Interview:

CLAUS RICHTER: Welche Materialien verwenden Sie für Ihre Entwürfe? Haben Sie ein Lieblingsmaterial?
PEARL: Ja, Seide!
C.R.: Und wie verstärken Sie den Stoff, damit die stützende Struktur entsteht, die für einen festen Sitz sorgt?
P.: Die Seide wird mit Coutil hinterlegt, einem speziellen Korsettstoff. Coutil besteht zu 100 % aus Baumwolle, ist also ein rein biologisches Material.
C.R.: Ah, das ist gut. Es ist also waschbar?
P.: Nein, nein! Man wäscht Korsetts nicht! Sie verlieren ihre Form, wenn man sie wäscht.
C.R.: Ach so! Gibt es denn eine Möglichkeit, sie zu reinigen, oder trägt man noch etwas darunter?
P.: Oh, ich wasche sie von Hand.
C.R.: Demnach ist es ein sehr empfindliches Kleidungsstück.
P.: Ja!
C.R.: Haben Sie eine bevorzugte Korsettform?
P.: Ja, natürlich. Das S-Korsett mit gerader Front finde ich fantastisch. Aber man sieht es heute so gut wie gar nicht mehr, deshalb weiß kaum noch jemand, wie wunderbar es wirken kann. Es gibt allerdings Fotografien, die einen Eindruck davon geben, wie die Menschen um die Jahrhundertwende in diesen Korsetts aussahen.
C.R.: Stellen Sie selbst auch S-Korsetts her?
P.: Ich habe es versucht, aber es ist unmöglich diese Form zu schaffen, weil es eines trainierten Körpers bedarf, um ein solches Korsett tragen zu können.
C.R.: Das bringt mich zu einer Frage bezüglich verschiedener Körperformen und dem Korsett: Was halten Sie von Körperfülle, von Körperfett? Können Sie sich auch einen korpulenten Körper im Korsett vorstellen?
P.: Selbstverständlich. Ein solcher Körper, in ein Korsett geschnürt, wirkt sehr üppig und sinnlich! Eine beleibte Figur in einem Korsett kann ausgesprochen interessant sein.
C.R.: Schön!
P.: Ja!
C.R.: Für mich waren Korsetts immer an die Vorstellung einer sehr schmalen Form geknüpft und daran, möglichst schlank zu bleiben. Aber für Sie könnte demnach auch die Vorstellung eines Korsetts an einem kräftigeren Körper ihren Reiz haben?
P.: Ja, ich denke, das könnte faszinierend sein.
C.R.: Ich war erstaunt, dass die Geschichte des Korsetts so weit zurückreicht. Ich habe gelesen, dass die Kreter bereits vor 4000 Jahren Korsetts trugen!
P.: Ja, die Phönizier!
C.R.: Gibt es für Sie einen bevorzugten Zeitraum in der Geschichte der Korsett-Kultur?
P.: Nun, meine Lieblingszeit ist die des Abgesangs des Korsetts, das Ende seiner glorreichen Tage um 1890/1900.
C.R.: Oh ja, eine wundervolle Zeit. Bis dahin wurden Korsetts von Männern und Frauen getragen. Was meinen Sie, warum das Männerkorsett heutzutage so selten ist.
P.: Oh, ich glaube, dass die Menschen schlicht sehr faul geworden sind. Das ist alles. Sie sind so sehr mit der T-Shirt-Kultur beschäftigt.
C.R.: Dieser bequeme Unterwäschestil kann einen mit der Zeit furchtbar langweilen.
P.: Ja, ich denke, ein gewisses Fundament ist eine gute Idee!
C.R.: Das Renaissance-Korsett hatte zum Ziel, aus einem weiblichen Körper eine eher männliche Figur zu formen. Vom Barock bis zum 19. Jahrhundert wurde die Idee dann immer weiblicher. Glauben Sie, dass die Entwicklung noch weiter geht? Oder hat das Korsett eine bleibende Form gefunden?
P.: Der Körper selbst scheint zunehmend Ausgangspunkt für die Formgebung zu sein; es sind die Körper, die durch das Korsett ihre Gestalt nach außen tragen. Im Augenblick gibt es keine eigenständige Korsettform, vielmehr sind die Silhouetten ganz verschieden und hängen davon ab, ob die jeweilige Person üppig ist oder schlank, trainiert oder nicht. Will sagen, es gibt keinen speziellen Stil.
C.R.: Sie tragen selbst ein Korsett. Wie kam das?
P.: Es hat mich ungemein interessiert, wie sich das anfühlt. Ich konnte noch mehr darüber erfahren, indem ich selbst Korsetts trug. Ich denke, es ist Teil meiner Forschung, ein Korsett zu tragen, gewissermaßen um zu verstehen, was das Wesen des Korsetts ist. Wenn man ein Korsett herstellt, muss man bestimmte Dinge einfach wissen.
C.R.: Was gefällt Ihnen beim Tragen eines Korsetts am besten?
P.: Nun, ich fühle mich sehr wohl darin. In gewisser Weise gibt es mir Halt, das kann sehr beruhigend sein.
C.R.: Wie wichtig ist Bequemlichkeit für ein gutes Korsett?
P.: Ausgesprochen wichtig! Es muss gut sitzen, damit es bequem ist. Natürlich birgt es geringfügige Unannehmlichkeiten, aber das gehört dazu. Man muss sich wohlfühlen, damit man es problemlos den ganzen Tag über tragen kann. Es muss von innen sehr weich und insgesamt perfekt angepasst sein. Dann wird man keinerlei Schwierigkeiten haben.
C.R.: Sie praktizieren auch Tightlacing. Haben Sie damit gleich zu Anfang begonnen oder erst nach einiger Zeit?
P.: Zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Tightlacing, aber ab einem bestimmen Zeitpunkt funktioniert es. Das ist ein ganz langsamer Prozess. Ich habe spät angefangen, also hatte ich einiges aufzuholen! Ich musste meinen Körper zwingen, wohingegen man früher bereits im Kindesalter an Korsetts gewöhnt wurde.
C.R.: Ich habe mir sagen lassen, dass das Alter damals so um die zwölf Jahre lag?
P.: Ja.
C.R.: Kennen Sie heute irgendjemanden, der so jung damit anfängt?
P.: Nein, ich kenne kein Kind, das ein Korsett trägt.
C.R.: Ich denke, dass ein Partner für das Tightlacing unabdingbar ist. Haben Sie Unterstützung, oder schnüren Sie Ihr Korsett alleine?
P.: Das mache ich alleine – gar kein Problem.
C.R.: Das ganze Schnüren und Schließen schaffen Sie selbst?
P.: Ja, das kann man auch alleine.
C.R.: Es gibt viele Gerüchte über die Gefahren, die das starke Einschnüren mit sich bringt. Ich habe von Organdeformationen und all diesen Dingen gelesen. Was halten Sie von diesen Bedenken?
P.: Die sind mir vollkommen egal! Ich möchte ein Korsett tragen – die Folgen interessieren mich nicht.
C.R.:  Ich selbst halte das ja für ungefährlich.
P.: Ja, genau. Man muss eben behutsam vorgehen, dann kann meiner Meinung nach auch nichts passieren. Ich hatte jedenfalls noch keine Probleme mit dem Essen, der Verdauung oder Ähnlichem.
C.R.: Sind der Taillenverringerung Grenzen gesetzt? Gibt es einen Endpunkt oder eher ein fortschreitendes Ziel?
P.: Die Beschreibung als fortschreitendes Ziel ist recht treffend. Aber der Körper hat natürlich seine Grenzen und die sind abhängig von der Körperform, insbesondere von der Knochenstruktur. Das ist ganz entscheidend. Es ist wichtig, wie elastisch man ist. Bis dahin kann man gehen und nicht viel weiter.
C.R.: Es gibt also eine Form, die man erreichen kann, und die hält und genießt man dann?
P.: Ja.
C.R.: Wenn Sie einen neuen Entwurf für einen Kunden entwickeln, wie gehen Sie vor, wie nähern Sie sich an?
P.: Nun, der Kunde bestellt etwas, und entsprechend seiner Wünsche fertige ich beispielsweise eine Zeichnung an – oder auch nicht. Manchmal beginne ich direkt damit, ein Muster zu entwerfen, das der Anprobe dient und exakt der Form des Korsetts entspricht, das ich später anfertige, es ist nur ein wenig gröber. Dann folgen die Anproben, üblicherweise drei oder vier, manchmal sogar fünf oder sechs, je nachdem. Danach werden alle Änderungen am Modell vorgenommen. Je nachdem, wie umfangreich die Änderungen sind, kann man das vorhandene Modell abändern oder ein ganz neues Modell herstellen, was natürlich bedeutet, dass man wieder ganz von vorne anfangen muss. Manchmal sind drei verschiedene Musterkorsetts nötig, das kommt drauf an ... Zuletzt stelle ich es aus dem Stoff her, den die Kunden ausgewählt haben, und lasse es erneut anprobieren, wenn es so gut wie fertig ist. Dann ist es vollbracht, es liegt dann nur noch am Kunden, es zu tragen!
C.R.: Erhalten Sie Rückmeldungen von Personen, die Ihre Kreationen über einen gewissen Zeitraum getragen haben? Ich gehe davon aus, dass es positive Rückmeldungen sind?
P.: Ja, hoffentlich!
C.R.: Was mich noch am Tragen eines Korsetts interessiert: Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihren aktuellen Taillenumfang erreicht haben?
P.: Ungefähr zehn Jahre.
C.R.: Und mit diesem Taillenumfang sind Sie jetzt zufrieden?
P.: Nein, eigentlich nicht! Ich hätte gerne eine noch viel schmalere Taille! Aber vielleicht bin ich ein wenig nachlässig geworden ...
C.R.: Die viele Arbeit vielleicht!
P.: Ja, vielleicht.
C.R.: Welchen Taillenumfang würden Sie sich wünschen?
P.: Oh, sehr schmal! Ich wäre gerne sehr, sehr schmal!
C.R.: Haben Sie so eine Art „Tightlacing-Helden“?
P.: Ja, Fakir Musafar, sein Umfang betrug am Ende 15 bis 18 Inches! Es gibt ein sehr schönes Foto von ihm mit dem Titel „Der perfekte Gentleman“. Auf diesem Bild trägt er ein Hemd mit Krawatte und eine sehr schmale Taille. Das ist wirklich eins meiner absoluten Lieblingsbilder!
C.R.: Das Korsett hat eine jahrhundertelange Geschichte und fand seinen Weg auch in Bücher und Texte. Haben Sie einen Helden der Literatur, jemanden, dessen Schriften Sie bewundern?
P.: Ja, Marcel Proust!
C.R.: Proust, oh ja! Ich könnte ihn mir im Korsett vorstellen! Wissen Sie, ob er eins trug?
P.: Nein, aber vielleicht trug er ja wirklich eins ...
C.R.: Das wäre ein tolles Bild!
P.: Oh ja.
C.R.: Haben Sie ganz herzlichen Dank für dieses anregende und interessante Interview. Es war mir ein großes Vergnügen!
P.: Ich habe zu danken! Machen Sie’s gut!


Claus Richter