18.05.2012 Mode Depesche     <<< 0  
           
 

Schweigen ist Gold in der Mangacity

 

Wahrscheinlich beginnt jede Annäherung an ein neues Feld mit einer Reihe von Analogien. Wenn ich den Eindruck beschreiben sollte, den bei mir die Kollektion von Mikio Sakabe hinterlassen hat, wohlgemerkt keine kommerzielleKollektion, sondern die Diplomarbeit eines Absolventen der Antwerpener Hochschule für Modedesign, würde ich unweigerlich mit der Aufzählung von Adjektiven beginnen, die man sonst in einer Besprechung des einen oder anderen durchstilisierten Science-Fiction Films vorfinden könnte: post-urban, post-apokalyptisch, mystisch, bizarr, aber auch verspielt, intuitiv und subtil. Mikio Sakabe stützt sich gleichermaßen auf Tradition und Fantasie, in der Silhouette erkennt man auf den ersten Blick männliche bzw. burschikose Basics der vergangenen Jahrzehnte – die konzeptuelle Entwicklung und stoffliche Verarbeitung suggeriert jedoch eine erlebnisreiche Fantasiewelt.Der ausgewiesene „Twin Peaks“-und David Bowie-Fan Mikio Sakabe versteckt hinter manch leeren Fenstern und düsteren Fassaden bunte Welten von pastellfarbenen urbanen Landschaften, detailreich und liebevoll gezeichnet, zuweilen ähnlich den beliebten traditionellen Ukiyo-e Farbdrucken aus der Edo-Zeit, wobei die Affinität Sakabes zu Pastellfarben das verspielte und artifizielle an den Drucken unterstreicht. Im weitesten Sinne geht es um die Ästhetik der Mangas, deren Zweidimensionalität MikioSakabe in Kontrast setzt zu der Strenge der Schnitte und viel klinischem Weiß und düsterem Grau. Dieser irgendwo an der Grenze zwischen „Metropolis“ und Mangawelt anzusiedelnde Look wird durch fantasievolle, üppige Frisuren ergänzt.
Mangas werden in Japan von allen Altersgruppen gelesen und bedienen sich bei weitem nicht nur banaler Inhalte. Von Japan-forschern hört man gar, dass der Manga die nationale Seele und Kultur des heutigen Japans im Wesentlichen reflektiert. Der wohl neben Mariko Mori bekannteste japanische aktuelle Künstler, Takashi Murakami, der bereits Louis-Vuitton-Taschen mit seinen giftbunten Blumen und Mustern bestücken durfte, subsummierte seine Ansichten über das Wesentliche im Umgang seiner Landsleute mit Kunst und Design (inklusive Manga) im Buch-„The Meaning of the Nonsense of the Meaning“- unter den Begriff „super-flat“. Die Tendenz zur formalen und inhaltlichen Verflachung von westlichen Entleihungen und auch vom traditionellen japanischen Gewerbe sei für die schöpferische Praxis im heutigen Japan typisch. Mikio Sakabe fügt dem „super-flat“eine neue kritische Dimension hinzu.
Der Designer meint, seine Kollektion habe drei große Themen: „den Cartoon, die Reversibilität und die Schneiderkunst als Startpunkt“. Kunstvoll gestaltete zweidimensionale Welten, wo alles und zu jeder Zeit möglich ist, können durchaus ein Gefühl des Hyperrealistischen vermitteln, „wahrer als die Realität“ erscheinen. Das Design der Kostüme von Mangafiguren beschäftigt M. Sakabe,weil imaginäre zweidimensionale Figuren zu kleiden, einen ganz anderen Zugang zum Entwerfen der Mode bedeutet. Auf der anderen Seite wäre es zu banal, pure Manga-Mode aufs Podest zu bringen. So entschloss sich Sakabe, den Kontrast zwischen den liebgewonnenen grafischen Welten durch die Wahl einer strengen burschikosen Silhouette und viele graue, weiße und schwarze Flächen herzustellen. Die Technik des Schneidens biete nach wie vor die umfangreichsten Gestaltungsmöglichkeiten im Fach des Modedesigns, so Sakabe. Durch diesen Zugang entsteht eine Reversibilität, die Möglichkeit des Wechselns vom Männlichen zum Weiblichen, gar Androgynen; von bedrolichen grauen Kulissen zum farbenfrohen urbanen Innenleben, vom Verspielten zum Ernsthaften. Reversibilität besteht auch im wörtlichen Sinne, denn einige Kleidungsstücke lassen sich wenden. Auf direkte architektonische Zitate wurde verzichtet zugunsten einer imaginären Welt, in der diese Mode am besten ihre Wirkung entfalten könnte. Der Designer unterstreicht, dass die Art von Unisex, die er meine, sich nicht auf die Austauschbarkeit einiger Aspekte des Männlichen und des Weiblichen beziehe. Vielmehr kam es Sakabe darauf an, die Kollektion möglichst unemotional zu gestalten, die Emotionen, die mit dem Sexus verbunden sind, zu neutralisieren. Die innere Stille, das Anhaltenvon Emotionen erlaubt uns, die Gefühle besser zu verstehen und sie intensiver zu erleben. „Schweigen ist Gold“, diesen Gedanken sollte die Frau teilen, für die Mikio Sakabe seine Mode kreiert.


Viktor Kirchmeier