23.06.2017 Mode Depesche     <<< 0  
           
 

Pop Hysteria

 

New York, 12. Oktober 1944 – Da hat sich etwas hochgeschaukelt und heute, am Columbus- Tag, bricht es aus. Seit Dezember 1942 singt Frank Sinatra regelmäßig im Paramount Theater, als i-Punkt der Benny Goodman Show und seit kurzem in einem Soloprogramm, das seiner Popularität Flügel verleiht. Doch was heute rund um das Theater geschieht, ist neu und unbekannt. Mädchen und junge Frauen versammeln sich zu Tausenden, sie blockieren die Straßen, sie rufen, sie schreien, sie geraten außer sich und fallen in Ohnmacht. Alles wegen der Musik eines schmächtigen jungen Mannes, seiner blauen Augen, seinem Lächeln, dem
Wunsch, all dem nahe zu kommen und – ja, und! Dieser Tag verwandelt Sinatra in „Swoonatra“, und die Teenage-Hysterie ist geboren. Elvis wird sie wieder auslösen, ebenso die Beatles, und in der Folge gerät sie zum pubertären Ritual, einem Selbstläufer. Doch als Andreas Hoyer mit einem Text über Hysterie in der Popmusik liebäugelt, denkt er nicht an Fans, nicht mal an Weltstars, sondern ausgerechnet an Grace Jones und Klaus Nomi – zwei Figuren, deren Hysterie wenig mit unmittelbarer Übersteigerung zu tun hat. Sie vollführen stattdessen hochcodierte Pop-Gesten aus zigfachen Verdrehungen und Widersprüchen. Wie konnte es dazu kommen? Wie und warum sind jene Figuren der frühen 80er überhaupt hysterisch?
Lösungsansatz 1: Die Popgeschichte Im November 1951 tritt wieder ein dünner Mann ins Rampenlicht: Johnnie Ray ist fast taub, aber
er singt – und wie! In seinem Hit „Cry“ folgt die sich überschlagende Stimme der Aufforderung des Titels; er fleht und leidet in Tönen, die niemand (erst recht kein weißer Mann in God’s own Country) jenseits der Kirchenpforten je von sich gegeben hat. Wieder schreien die Mädchen,der kleine Bob Dylan entschließt sich seinetwegen, Sänger zu werden, und John Waters widmet ihm den FilmCry-Baby.Ebenfalls Anfang der 50er tritt in Atlantas 81 Clubein Typ mit hoch toupierten Haaren auf, er trägt Make-up und schillernde Seidenhemden. Er heißt Billy Wright, ein mächtiger Shouter, der es für ein paar Jahre in die Rhythm & Blues Charts schafft. Noch höher wogt der Pompadour von Esquerita aus South Carolina. Das Pianospiel hat er sich selbst beigebracht, seinen Gesang prägen seltsame Kiekser. Richard Penniman kennt beide persönlich, sie fungieren als Mentoren bei seiner Verwandlung in Little Richard.Und der geht dann ab, in wildester Verzückung über all die süßen Dinger. „Tutti Frutti“ wird der erste Welthit des hysterischen Überschwangs, und Richards Flamboyanz entsagt aller bekannten männlichen Attribute.
Männlich?–An dieser Stelle erschallt, im bekannt berlinernd patzigen Duktus, Hildegard Knefs Frage: „Worum geht’s hier eigentlich?“
Psychopathologisches Intermezzo: Begriffsklärung Jahrhundertelang gilt „Hysterie“ als rein weibliches Phänomen. Der Wortstamm bezeichnet im Altgriechischen die Gebärmutter. Zu geringe Spermazufuhr soll das seltsame Phänomen auslösen. Ab dem Mittelalter ist es dann nicht mehr ein Mangel an Sex, sondern Sex selbst, der die so genannten „hysterischen Krisen“ hervorruft. Um Frauen vor dem als pathologisch beschriebenen Orgasmus zu bewahren, verstümmeln europäische Ärzte auch noch im 19. Jahrhundert die Klitoris. Am Ende desselben Jahrhunderts fotografiert der Arzt Jean-Martin Charcot entrückte Frauen. Freud faszinieren diese Bilder, er lernt bei Charcot und entwick-elt eine Theorie der Hysterie. Auch wenn die meisten Fallstudien Frauen behandeln, sind die Hysterien für Freud nicht an das Geschlecht, sondern an psychische Strukturen gebunden. Anfangs vermutet er „ungesunde sexuelle Gewohnheiten“1, dann Identifizierungen, Verdrängungen und andere unbearbeitete Konflikte als Wurzel verschiedener Formen der Hysterie, unter denen man auch jene „emotionalen Krisen mit theatralischem Gebaren“2 findet, die am ehesten dem heutigen Alltagsverständnis von Hysterie entsprechen. Doch die Bilder von ichbezogenen, geltungsbedürftigen, überzogen kindlichen Hysterikern bleiben kulturell bestimmt und in der Sexualität verwurzelt. Da stehen sie nun, die
Drama-Queens, die bezaubernden Selbstdarsteller und die lärmenden Egomanen. Sie führen wieder zur Popgeschichte, zu Little Richard. Der singt, dreht hinter dem Piano ab, schürzt die Lippen, so dass der hauchdünne Menjoubart Wellenlinien nachzeichnet, und dann reißt er den Mund so unsagbar weit auf, um ES in die ganze Welt hinein zu jauchzen. Ganz schön weit vorne für 1958, doch schon bald verklingt diese Pop-Hysterie.
Lösungsansatz 2: Artifizielle Strategien Werden beseelte Visionäre wie die junge Laura Nyro oder irre Individualisten wie Tiny Tim und Wild Man Fisher außen vor gelassen, finden sich die Hysteriker erst wieder im Glam- Boom der Nachhippiezeit. Da dann aber in Vollendung. Man könnte über David Bowie oder The Sparks die Spur aufnehmen, doch der erhabenste Hysteriker des Glam war ein Junge namens Jobriath. Er hatte alles, was Grace und Klaus für ihre Inszenierungen brauchten. Nach Jahren der Vergessenheit finden sich heute
leicht Spuren seines zu kurzen Lebens, so etwa in Tom Holerts und Heike Munders Buch The Future has a Silver Lining – Genealogies of Glamour3. Seine Karriere als US-amerikanische Antwort auf Bowie zerbrach unter der Last des Hypes um einen irrsinnig hoch dotierten Plattenvertrag und das vom Manager lancierte erste Pop-Outing: „I’m a true fairy!“.
Das war 1973, viel zu früh für solch ein glitzernd dramatisches Nachtschattengewächs.

I know the child that I am has hurt you
And I was a woman when I made you cry
But a little boy wants to dry your tears
Be still I love you
Come on now

Jobriath–„Be still“ (1973)


Was er da auf seinem ersten Album beschreibt, erfüllt alle Ansprüche an den Hysteriker auf emotionalem Zickzackkurs; man kann die Vorgeschichte des Textes vor Augen sehen.
Nach einer zweiten Platte, einer Tour und einem NBC „Midnight Special“ in einem wunderbaren Kostüm, das den begabten Tänzer gleich einem Astronauten in Seideschwerelos scheinen ließ, verschwand er, nicht ohne seinem Manager noch eine Torte ins Gesicht zu pfeffern.Später besuchte ihn ein Fernsehteam, er lebte in der Glaspyramide auf dem Dach des Chelsea Hotels in New York, abends setzte er sich im Tuxedo ans Piano der Hotelbar und sang Tin-Pan-Alley-Songs. Er hieß nun Cole Berlin, nie wieder mochte er von Jobriath reden. Der kleine Film4 zeigt ihn entspannt, gentlemanlike und doch ein wenig bemüht in seiner Bescheidenheit. Am 3.8.1983, drei Tage vor Klaus Nomi, starb er an AIDS.
Da konnte Grace Jones noch so Bryan Ferrys verwirrte Coolness bemühen, ihr Mann war Jobriath. Die offene Hysterie, die im ersten Disco-Boom solch wundervolle Erscheinungen wie Sylvester oder Gloria Gaynor verkörperten, konterte sie mit unnahbarer, gefährlicher Sexualität. Alles unter Kontrolle – bis auf irgendein Problem (nennen wir es Drogen), das nicht kleiner wurde, als sie ab 1980 unter der Ägide des Fotografen Jean-Paul Goude zum Rolemodel der Post-Disco-Club-kultur avancierte und ihr weltweit Aufmerksamkeit widerfuhr. An diese gewöhnte sich Grace sofort und gründlich! Sie war wer, auch wenn sie in der TV-Talkshow vom Stuhl fiel und danach den Moderator schlug, da er ihr nicht genügend Aufmerksamkeit widmete.5
Wo Jones’ Hysterie nie mehr als eine Andeutung innerhalb eingefasster Gesten sein durfte, überkommt sie just in jener Szene eine kindliche Wut. „Grace wollte für sich selbst geliebt werden“6, erzählt Ex-Mann Goude in einem Interview. Für das Cover der „Love is the Drug“ 12" zeichnete er sie mit aufgeworfenen Lippen, die einen Anflug von Niedlichkeit zulassen. Dreht man das Cover um, so sieht man seine Entwürfe für einen Videoclip, in dem sie das Publikum, allesamt Herren in Abendgarderobe, blutig schlägt, bis es bereit ist, ihr zu huldigen. Als es in jener Show nun aus ihr herausplatzte, da fehlte jene Souveränität, doch für einen Moment war ihr Gesicht nicht herrisch oder koksverzerrt, sondern das eines zornigen Prinzesschens. So etwas wäre Klaus Nomi nie unterlaufen. Er konnte stundenlang regungslos als Schaufen- sterpuppe in New Yorks Fiorucci Laden verharren, er war der Fremde unter den Menschen. In seinem mal extraterrestrisch, mal mechanisch wirkenden Gestus pochte unablässig das Pathos eingesperrter Gefühle, einer nicht vermittelbaren Einsamkeit.Issey Miyakes geometrische Körper-Dekonstruktionen für Grace Jones waren nichts gegen Nomis bekanntestes Outfit als robotisierter Comedian Harmonist der fernen Zukunft. Die wahre Seltsamkeit lag aber stets in seiner Stimme, was ein Blick auf den jungen, vollbärtigen Nomi in Lothar Lamberts Ex und Hoppaus dem Jahr 1972 beweist.7 Ein Countertenor, völlig ohne Soul, aber bis zur Halskrause in romantischer Lebenstrauer. Bowie half dem Ende der 70er durch New York Tingelnden auf die Beine, ließ ihn bei einem TV-Auftritt mitsingen und lancierte seine Karriere. Doch er hatte keine guten Berater. Wo Grace Jones Glam und Disco zusammenführt, umgeben vom Island Records Team um Sly & Robbie, gerieten Nomis Stücke zur Groteske, manche (wie seine Version von „The Twist“) funktionieren in der Art des abstrusen Wave-Humors von Devo-Songs, doch das Gros versagt in schriller Obskurität. Auch wenn sich mit Man Parrish am Ende ein guter Produzent um ihn kümmerte, so brillierte Nomi doch vielmehr im klassichen Register. Er lebte Pop, aber sein Gesang wusste nichts davon.
Diese Stimmlosigkeit beschreibt Nomis Hysterie als die des seltsamen Wesens, des Fremden, der verloren ist. Im erwähnten Cover-Comic beschreibt Grace Jones die diametral andere Version des Fremden: Sie ist gekommen, um zu herrschen, zu unterwerfen. Beide Bilder sind völlig überspannt, sexuell aufgeladen, und beide wurzeln in der Person Jobriaths und seinem Scheitern. Wohlgemerkt singt Jones heute nicht in Hotelbars, sondern demoliert ab und an entsprechende Interieurs, um es dann nochmal in die Presse zu schaffen.
Nomi-Fans drehen Videos. In einem backt eine junge, auf Nomi gestylte Frau einen Kuchen8 (Nomi war gelernter Konditor) – in ihrer Küche drapiert sie nach und nach Plattencover: Bowie, Eno, kein Disco, kein Punk. Dabei läg’ es nahe. Beide Stile variieren auf ihre Weise Glam-Rock und kreieren Sprachen der Hysterie parallel zu denen von Grace Jones und Klaus Nomi. Um nicht völlig abzuschweifen werden Johnny Rotten, Siouxsie Sioux, Bee Gees oder Rick James hier nur genannt. Hochinteressant sind sie allemal, wie auch die junge Lydia Lunch und ihre angstneurotischen, zornigen Schreie. Sie betitelte dereinst ihre Retrospektive Hysterieund vielleicht hat auch nur sie auf diese unmittelbare Art das Recht dazu. In ihren Texten laufen
Waisenkinder durch blutigen Schnee, Schrecken und düstere Affairen folgen aufeinander in ewiger Reihung. Derart testet sie die Grenzen des Körperlichen inmitten der radikalen „No New York“-Szene aus. Das geschieht zeitgleich zu den so gar nicht unmittelbaren Posen von Jones und Nomi. Nicht, dass Lunch wenigertheatralisch agierte, doch ihr Bild scheint direkter, körperlicher. Ihre Panik ist nicht die einer Möglichkeit, und so muss sie das Artifizielle nicht in einen Dialog mit versteckten Wünschen und Unausgesprochenem bringen. Eben das war die große Aufgabe der beiden.
Einen Dritten mag ich hinzufügen: Billy Mac-Kenzie. Der Mann aus Glasgow singt bei den Associates, einer der prägenden britischen Wave-Formationen. Seine Stimme übertrifft Nomis Spektrum, ist in den ganz hohen Lagen nicht so ausdauernd, aber sie hat Soul. Tatsächlich führt er Disco und Punk und Freddy-Mercury-Glamour in einer Person zusammen. Seine Musik transzendiert die Hysterie, in welcher sie durchaus auch aufgeht, zu einer paralysierten Haltung. MacKenzie erkennt die Dringlichkeit des Aufbruchs und genießt doch jede Pose, bis er ihrer überdrüssig wird. Es geht ihm um Entwicklung.Eine von Andrew Lloyd Webber persönlich offerierte Musical-hauptrolle lehnt er ab, seine Band zerbricht, er macht allein weiter, der Erfolg schwindet, er gibt nicht auf. Es ist der Tod der Mutter, der ihn 1997 in eine tödliche Krise stürzt. Was bleibt, ist sein Werk in und über die Gesten und Posen des Hysterischen in all den Wendungen, welche die Popkultur so überhöht wie deutlich werden lässt. Sein Freund Paul Haig beschrieb ihn als „maverick eccentric surrealist“9. Vielleicht umreißen diese Worte auch jene komplexe Struktur der Pophysterie, die Absage an einen verbindlichen Konsens und die Einsamkeit derer, die sich darin an die Welt wenden.

Oh no it’s either black or white
With all guns firing I turn to worry
I turn to worry
Oh no it’s not a pretty sight
I want us smiling I’m in no hurry

Associates–„Perhaps“ (1984)

Bessere Worte hysterischen Wissens lassen sich nicht finden.


1 Sigmund Freud: „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomkomplex als ‚Angstneurose‘ abzutrennen“, 1895
2 J. Laplance, J.-B. Pontalis: Handbuch der Psychoanalyse, stw 7, 1973
3 Tom Holert & Heike Munder [ed.]: The Future has a Silver Lining. Genealogies of Glamour. JRP-Ringier, 2004
4 www.youtube.com/watch?v=ie_7HiPuRwk
5 www.youtube.com/watch?v=8oS13qm9-gw
6 Cornelius Tittel : „Der Mann, der die Frauen erfindet“, Welt am Sonntag, 1.1.2006
7 www.youtube.com/watch?v=8Oi5R66ibV4
8 www.youtube.com/watch?v=d-Vw8uQP3UE
9 Paul Lester: „MacKenzie/Haig – Memory Palace“ (Rezension und Interview), Uncut, Dezember 1999



Oliver Tepel