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Auf der Suche nach dem Mann der sich
Zeit nimmt schön zu sein
Kris Van Assche empfängt in seinem Atelier, einer offenen Maisonette-Wohnung im Hotel de Retz, einer ehemaligen Puppenfabrik. Dieser großzügige Gebäudekomplex mit ruhigem Innenhof, im Herzen des Pariser Galerienviertels Marais, rund um die rue Vieille du Temple,beheimatet auch einen dreistöckigen Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst. Dem jungen Designer gefällt dieses Viertel, er liebt es in den zahlreichen Cafés zu verweilen und die Leute auf der Strasse seinem „photographischen“ Blick zu unterziehen. Statt auf Extravaganzen richtet sich dieser auf für andere unerhebliche Details, wie „eine Krawatte,die hochfliegt oder ein schlecht sitzender Kragen“. Diesen Momente des Zufalls,wenn es so aussieht als wäre der Mann gerade aufgestanden und hätte sich eilig aber doch sorgfältig zurechtgemacht,spricht er eine gewisse Poesie zu,zeigt sich „berührt“ von dieser Nonchalance. In diesem Sinne ist Eleganz für ihn nicht unbedingt synonym mit Perfektion. Aber das nur in Bezug auf seine Eindrücke im täglichen Leben:es interessiert ihn die Realität des Trägers. Der junge Designer erscheint unglaublich reif und überlegt.Alles scheint perfekt geplant,schon lange vorher weiß er wie seine Kollektion aussehen soll. Er selbst hält sich manchmal für „zu realistisch“, nahm sich deshalb ganz zu Anfang vor „Schritt für Schritt vorzugehen“, keine Etappe zu überspringen von der Modeschule über die Assistenz in einem großen Haus bis zur eigenen Kollektion. Als Einzelkind, sagt er,war „ich kreativ in meiner eigenen Welt“.Als er mit zwölf Jahren erfährt,dass es den Beruf des Modedesigners gibt, ist alles klar für ihn. An die Realisation wagt er sich damals nicht heran, die überlässt er lieber seiner Großmutter, die ja schon lange Handfertigkeit bewiesen hat. So kann er überprüfen ob seine Ideen sich in Realität umsetzen lassen. Um seine Kreationen genau aufs Papier zu bringen, besucht er samstagnachmittags eine Zeichenschule,Momente an die er sich gerne erinnert: „Es war ein amüsanter Ort. Ich habe dort interessante Leute getroffen.“ Antwerpener Mode ist schon seit Mitte der Achtziger groß angesagt. Aufgrund des gleichzeitigen Erfolges von sechs ehemaligen Schüler der Royal Academy of Arts, eine der wichtigsten Modeschulen Europas.Sie hat mehrere Generationen von erfolgreichen Designern hervorgebracht,unter denen sich Anne Demeulemeester, Dries Van Noten, Martin Margiela und Dirk Bikkembergs finden, aber auch jüngere wie Bernard Willhem oder Veronique Branquinho (mit welcher Van Assche den Fabrikanten teilt). Mit ihrer oft als „schlicht“ bezeichneten tragbaren Garderobe haben sie die belgische Mode nachhaltig geprägt.Wenn sich Belgier auch wenig um Mode kümmern ist laut Van Assche im „Dorf“ Antwerpen „der Esprit der Akademie sehr präsent,d.h.von fünf Studenten besuchen zwei die Akademie“. Er selbst verbringt vier Jahre in dieser Talentfabrik, „heute ein sublimes Bauwerk, wo damals der Putz von den Wänden fiel, und es nicht eine einzige Nähmaschine gab, was jedoch einen gewissen Charme hatte“. Der Unterricht dort ist „sehr frei, man muss jedoch ein Minimum an Teilen realisieren“. Aber laut Van Assche „besteht die Schwierigkeit gerade darin mit dieser Freiheit umzugehen“.In dieser anspruchsvollen Modeschule, wo nur sehr wenige Studenten es bis zum Diplom schaffen,heißt das realitätsbezogen zu arbeiten.Ganz wie bei der Realisation einer richtigen Kollektion,zählt dabei einzig und allein die Stimmigkeit des Endproduktes. Es ist unbedeutend wer die Kollektion angefertigt hat, es wird von den Studenten verlangt „sich durchzuschlagen, ganz wie im wirklichen Leben“. Eine strenge Jury beurteilt die Qualität,genau wie später die Presse und die Ankäufer.Damals werden seine Kreationen noch als „zu klassisch“ eingestuft,ähnlich wie seine erste Kollektion:„Man hat mir gesagt meine erste Kollektion war sehr oder sogar zu vernünftig. Als ob man für eine erste Show immer auf Extravaganzen setzen müsste.“
„Ein Kleidungsstück muss der Realität entsprechen“, ein Anspruch der laut Kris Van Assche alle belgischen Designer verbindet.Kreative Elemente müssen diskret sein wobei Tragbarkeit im Vordergrund steht. Nach vier Jahren Akademie „trifft der Antwerpener Underground dann auf ‚die Seide’ Saint Laurents“. Und genau diese Mischung begeistert den jungen Designer, der bei Hedi Slimane alle möglichen Dimensionen der Männermode kennenlernt,vor allem „die Obsession fürs Detail“,die seine drei Kollektionen kennzeichnet. Während seiner sechsjährigen Assistenzzeit – zwei bei Yves Saint Laurent und vier bei Christian Dior – prägt ihn vor allem dessen Arbeitsweise.Er kommt bei Saint Laurent „zur Zeit der Pailletten an.“ Im Grossunternehmen Dior lernt er „wie man eine Kollektion aus dem Nichts zaubert...Wie eine Generalprobe im überdimensionalen Rahmen“. Da er jedoch „nie davon geträumt hat Assistent zu werden“, wagt er sich schließlich an seine erste Kollektion.
Für Van Assche ist die Art wie man ein Kleidungsstück trägt genauso wichtig wie das Stück an sich. Er zeigt in dieser Hinsicht ein Repertoire von Möglichkeiten, schnell als Stylingelemente interpretiert, doch bei genauerer Betrachtung erweist sich,dass dieser Look in der Bewegung fixiert ist. Das heißt, die durch den Windstoss verdrehte Krawatte,die einem Gentleman die Strenge nimmt ist in den Hemdstoff eingearbeitet oder lässig unter dem Jackettkragen befestigt.Ein Spiel von drunter und drüber, welches alle seiner Kollektionen prägt.„Die Kleidungsstück sind so konstruiert erklärt der Designer.
Man kann den Kragen nicht herunterklappen oder etwa die Krawatte wieder richten“.Es hat für Kris Van Assche etwas „Berührendes“,den Mann so zu zeigen so „als wäre er gerade aufgestanden und hätte sich schön gemacht, aber ein Detail macht das Ganze menschlich“. Die Krawatte ist bei ihm mehr als nur ein Accessoire,sie kann eine Emotion oder ein Konzept ausdrücken.Es liegt ihm daran Symbole zu entsemantisieren,Codes aufzubrechen. Dabei geht es eher darum wie man die Stücke trägt,als um ein extravagantes Ver-kleidungsstück.Der Designer liebt das Spiel der Entfremdung,er versucht sich so von Tradition abzuheben. Er setzt auf eine Mischung von Gegensätzen, aus Strenge und Lässigkeit.Die Neunziger stehen laut Van Assche im Allgemeinen für zwei entgegengesetzte Tendenzen:„die des großen italienischen machohaften Muskelpakets und die des kleinen mageren Jungens. Ich mag weder die eine noch die andere.“
Als Inspiration für die Winterkollektion 2007 dienten Fotos aus vergangenen Zeiten im Hause seiner Großmutter,wie auch vom berühmten Porträtfotografen August Sander. Bei den familiären Reliquien fasziniert ihn „die Idee,dass man sich damals fürs Foto so schön wie möglich machte“. Die Utensilien zu diesem Zweck findet man auch bei den Männerporträts von Sander wieder: „Fliege und Hut geben dem Mann eine Identität,die bestimmt ob der Mann respektiert wird oder nicht.“ Van Assche hat „das Äquivalent bei den Blumenmännern in Arabien entdeckt:je mehr Blumen sie auf dem Kopf tragen, desto wichtiger sind sie.Das Gleiche gilt auch für die Stickereien oder grafischen Muster auf der Kleidung.“ Diese arabische Inspiration kam beim Défilé zum Tragen, wo er die Models mit Blumenkränzen schmückte. Die gesamte Kollektion ist graphisch strukturiert durch eingesetzte kontrastierende Stoffbänder,z.B.Quer- und Längsstreifen bei Hemden,Kombinationen von verschiedenen Materialien bei Hosen,oder Spiele mit Zweifarbigkeit und Lochmuster bei Strick. Details wie Gürtel oder Stirnbänder aus Macramé oder mit graphischen Stickereien lassen diesen folkloristischen Ursprung der Kollektion durchscheinen. Obwohl in unseren Breiten Blumenmänner ganz entgegengesetzte Assoziationen hervorrufen können, dachte man auch an Griechenland und Rom, wo die Lorbeerkrönung die höchste Auszeichnung eines Poeten oder Sportlers bedeutete.
Im Gegensatz zu dem sehr präsenten extrem femininen Männerbild der letzten Jahre spielt Van Assche mit den Emblemen der Männlichkeit. Von Militärdekorationen inspirierte Schulterepauletten mit dichten silbernen Metallfransen werden zum „dekorativen“ Accessoire umfunktioniert, indem sie von der sonst passenden Jacke getrennt als Einzelteil über dem Hemd getragen präsentiert werden. Mit Hosenträgern am Bund fixiert werden sie völlig entfremdet.Kris Van Assche isoliert die Insignien, die dem Mann einen Stellenwert in der Gesellschaft geben, und zeigt,dass sie auch außerhalb ihres eigentlichen Kontextes, als raffinierte Extras, noch immer etwas von ihrer einstigen Aura bewahren.
So betonen bei jeder Schau auch Hüte die Persönlichkeit,denn sie geben dem Mann Präsenz. Ob Borsalino, Stetson oder Panama, Kris Van Assche bevorzugt Formen mit schmalem Rand, im Winter schwarz und überdimensioniert,im Sommer farbig oder weiß mit einem kontrastierenden Band abgesetzt. Laut Van Assche beeinflusst der Hut die Körperhaltung oder gar die Einstellung seines Trägers. Er vergleicht ihn mit den Absätzen einer Frau, die ihr im selben Sinne ein anderes Körpergefühl geben. „Er schließt auf bewundernswerte Weise seine Silhouette ab,und auf der Strasse nimmt man ihn aufgrund
seiner Allure wahr.“ Überrascht stellt der Designer bei den Anproben der Schauen jedes Mal wieder fest wie die Models es lieben ihn zu tragen. Das selbst sehr junge Männer von der neuen Eleganz angezogen sind erklärt er sich damit,dass Sportswear einfach durch ihre Allgegenwärtigkeit zu banal geworden ist. „Ich war sehr enttäuscht zu entdecken, dass in Tokio, wo man mir gesagt hatte die Leute würden sich extrem kleiden,alle nur Jeans und T-Shirts trugen,die gleichen wie in New York und Paris.“ Seiner Meinung nach „kommt aber mit der Globalisierung auch der „Bedarf an Individualisierung wieder.“
Um der Silhouette die Strenge zu nehmen, werden auflockernde Elemente eingebaut, kleine „Störungen“. Bei Strickoberteilen wird der feine Strickbund eines Halsausschnittes an einer Stelle leicht abgetrennt und dann auch mal verdreht. Der selbe Trick, lässt am Rücken eines Tanktops – wie ein falsch angenähter Träger – ein scheinbar zufälliges Drapé entstehen. Trenchcoatelemente,wie Schulterklappen und Pelerine, finden sich am Sakko wieder, manchmal nur als Attrappe. Isolierte Sakkokragen wurden über dem Trägershirt
zum Schal. In Bauchnabelhöhe geknotet verliehen sie einer eher sportlichen Silhouette so wieder eine gewisse Feinheit. Extrem breite Strickbündchen werden zum Ornament an langärmligen Shirts aus seidiger Baumwolle.Anzughosen bekommen im Sommer durch seitliche Raffung einen modernen Touch eleganter Nonchalance, noch betont durch das Schuhwerk, die schwarzen Espandrillos die allen Silhouetten eine sommerliche Leichtigkeit geben. Van Assche mischte den Charme der schmalen Torerohose mit hohem Bund mit dem Flair von Sportswear, indem er knielange weite Jerseyhosen mit einem Taillengürtel kombinierte, der wie Pullover lässig um die Hüfte drapiert wird.Seine seitlich hochgerafften Hosen, kombiniert mit überweiten an den Ärmeln hochgeschobenen Hemden in blutrot,weiß oder tiefem Flaschengrün mit schwarz abgesteppter Passe, lassen an eine moderne Variante des Musketierlooks denken.Die lässige Raffung des Ärmels entmachtet die gemeinen Kurzarmhemden, die des Hosenbeins verdrängt allzu klassische Bermudas oder ersetzt übertrieben elegante Kniebundhosen. Mit passendem Sakko und „runtergekrempelter“ Hose wird die Silhouette salonfähig.
In diesem Sinne sind zahlreiche Modelle des kommenden Winters gekonnte Paarungen strenger Eleganz mit lässiger Sportswear. Mal ist es der Schnitt mit Gummizug, der eine strenge Anzughose auflockert ohne ihr die Klasse zu nehmen, mal ist es, umgekehrt, der Stoff der Jogginghose aus dem eine elegante Hose geschneidert wurde.
Auch die eigentlich biederen Einstecktücher werden bei Van Assche erstaunlich modern eingesetzt. In satten Farben blitzen sie im Sommer aus den Sakkotaschen hervor:indisch Blau zu Dunkelgrau,Blutrot zu Hellgrau. Angeregt durch die Anfrage einer Genfer Galerie an der Ausstellung Handsome über männliche Schönheit teilzunehmen,hat er sich in diesem anderen Kontext ganz besonders diesem Thema gewidmet und eine ganze Kollektion von Taschentüchern entworfen,eines für jeden speziellen Anlass.
Das Männerbild von Kris Van Assche ist nicht festgelegt.Für seinen Schauen wählt er auch ganz bewusst verschiedene Altersklassen. „Ich habe keinen besonderen Männertyp im Kopf.Ich mache Kleider in Bezug auf die Leute meiner Umgebung und die sind sehr unterschiedlich.“ Hätte er die Wahl,die Garderobe einer bekannten Persönlichkeit zu gestalten,dann wäre das die von Johnny Depp. Die erste Silhouette seiner Wintershow lässt an den Schauspieler denken, der in zahlreichen Filmen,wie z.B.Charly and the Chocolate Factory,in die Rolle eines eleganten rebellischen Lords mit Zylinder schlüpfte.
Es geht Kris Van Assche jedoch eher um die Emotion die eine Kollektion vermittelt und insofern steht die Atmosphäre der Modenschau im Vordergrund. Legendäre Orte,setzen schon eine gewisse Stimmung voraus. Für die von Buenos Aires inspirierte Sommer-Kollektion im ehemaligen Ballsaals Elysee Montmartre aus dem 19. Jahrhundert, liefen die Männer mit roten gegen die Brust gepressten Panamas oder mit Schirm über den Laufsteg und vermittelten eine Anmut,welche die poetisch- mysteriöse Stimmung von Filmen Fellinis und Pasolinis widerspiegelte. Van Assche versteht jede Show auch als Film. Die Sonnenschirme verweisen „nostalgisch auf den Mann am Rand des Strandes Anfang des 20.Jhdts. Feminin oder nicht, sie sind einfach nur elegant“. Das Finale der Männer in Trägershirts und Anzughosen wurde von Bandoneon-Musik untermalt: Tango live. Die Idee des Blumenregens für die Wintershow kam ihm spontan im Pool eines Urlaubshotels. Im Palais de Tokyo defilierten die Blumenmänner und die „schwarz behuteten Gangster“ dann zu Michal Nymans Filmmusik für Peter Greenaways, Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber.
Kris Van Assche hat mit seinen drei Kollektionen ein Männerbild von poetischer Eleganz geprägt,das eines maskulinen und doch sensiblen Mannes, „der seinen Hut gegen den Regen trägt“. Es zeigt sich am besten an der Metapher des Blumenmannes,Blumen die hier Romantik und Empfindsamkeit und dort Macht und Stärke vermitteln.
Christina Tsech
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