| |
Die Inszenierung von Nicht- Inszenierung
Warum Designer oft so schluffig aussehen
Juhu! Mein Lieblingsthema.„Inszeniertes Leben“ ist ja eine interessante Formulierung, da man demnach quasi
davon ausgehen muss, dass es inszeniertes und nicht inszeniertes Leben gibt. Ich möchte aber gleich zu Beginn
einer Denklinie folgen die behauptet, dass alle unsere Sozialgefüge eigentlich immer inszeniert sind, ja sogar
grundlegend auf Inszenierung beruhen. Aber das ist ja zum Glück auch gar nicht schlimm. Es ist sogar ein Weg,
allen Inszenierungen von Macht, Wissen und sozialem Stand den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Da wird ja auch schon lange drüber geforscht, und ein Klassiker des Feldes ist zu Recht Erving Goffman, ein
amerikanischer Soziologe, der schon 1959 sein richtungsweisendes Buch „The Presentation of Self in
Everyday Life“ publizierte. Auf deutsch wurde das dann unter dem Titel „Wir alle spielen Theater“
rausgebracht, und auf dem Cover der Piper-Taschenbuchausgabe prangten abschreckende Selbsthilfebuch-
Illustrationen mit einer Armbanduhr als Theater und einem Mann, der in einem Blumentopf steht und eine Blume hochhält, das sollte einen aber nicht abhalten, man kann es ja neu binden lassen... Goffman geht davon aus, dass Alltag immer Inszenierung bedeutet und dass man in allen Handlungen und Nicht-Handlungen versucht, ein Bild von sich zu erzeugen, dass einen im gewünschten sozialen Licht erscheinen lässt.
Er schreibt: „Vor anderen durchsetzt der Einzelne gewöhnlich seine Tätigkeit mit Hinweisen, die bühnenwirksam ihn bestätigende Tatsachen illustrieren und beleuchten, welche sonst unbemerkt oder undeutlich bleiben könnten.“1
Haben die Anderen mitbekommen, wie ich sein möchte? Sehen sie mich, wie ich mir wünsche, gesehen zu werden? Bin ich schon Mitglied in einem Ensemble? Wo stehe ich in der Hierarchie? Selbst Menschen, die beständig „authentisch“ und „unverstellt“ agieren, und sich um solche Positionierungen keine Gedanken zu machen scheinen,sind nicht frei von Inszenierung. Goffman sagt über diese scheinbare Unbekümmertheit:„Die unreflektierte Leichtigkeit, mit der Darsteller ständig derartige Rollen der Aufrechterhaltung sozialer Maßstäbe erfolgreich spielen besagt nicht, dass er keine Rolle darstellt, sondern nur, dass die Teilnehmer sich dessen nicht bewusst geworden sind.“2
Also : Auf zur Bewusstmachung! Segel gehisst und volle Kraft voraus. Egal, ob jemand an der Rolle die er spielt bewusst herumschraubt oder nicht, er spielt sie. Und zwar nicht nur mit Hilfe von Text, Mimik und Körpersprache, sondern mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Goffman bezeichnet dementsprechend die Möbel und die räumliche Anordnung , die man um sich versammelt als „Bühnenbild“, die Kleidung ist also logischerweise das Kostüm. Und wenn das ansonsten in den Alltag eingebundene Kostüm gezielt vorgeführt wird, dann haben wir es mit einer Modenschau zu tun.
Gezielte Inszenierung wie in unserem Fall die Mode hat eine Vorder- und eine Hinterbühne. Laufsteg und Backstage, Showroom und Atelier. Man vermutet, dass hinter der Bühne ein intimerer Ton herrscht, dass die sonst so gut verborgene Mechanik der Magie dort sichtbar wird, die uns dann später in der bewussten Inszenierung vor der Bühne präsentiert wird.
Doch die Hinterbühne ist deshalb vor zur breiter Öffentlichkeit verborgen, um die Anstrengung und das Leid nicht zu zeigen, dass oft einer umso famoseren Präsentation vorausgeht: „Wenn wir sagen, Darsteller verhalten sich verhältnismäßig informell, vertraulich und entspannt, solange sie hinter der Bühne sind und sie sind auf der Hut, solange sie eine Vorstellung geben, dann ist dennoch nicht erwiesen, dass die angenehmen zwischenmenschlichen Aspekte des Zusammenlebens – Höflichkeit, Wärme, Freigebigkeit und Freude an der Gesellschaft anderer- stets für die hinter der Bühne Stehenden reserviert, und dass Misstrauen, Snobismus und zur Schau gestellte Autorität auf die Aktion im Rampenlicht beschränkt seien. Oft scheint es, als reservierten wir all unseren Enthusiasmus und alles lebhafte Interesse für die, denen wir ein Schauspiel vorführen, und als sei es das sicherste Zeichen der Hinterbühnen-Solidarität, wenn wir uns erlauben, ungesellig, missmutig und reizbar zu sein.“ 3
Eine immer wieder auftauchende Differenz in der Mode, auf die meine Mutter mich in regelmäßigen Abständen aufmerksam macht, taucht am Ende der Show auf und lautet : Modemacher sehen selbst oft ziemlich unmodisch aus. Sie kommen in Jeans und T-Shirt zum Defilée und schluffen in Trainingshose durch den Showroom. Man könnte ein Fachwort einführen : Desindressed.
Meine Frau Mama entrüstet das. Sie ist auch verwundert, dass Künstler so selten hübsche Bilder in ihren ebenfalls entrüstend voll gerümpelten Wohnungen hängen haben. Das Rätsel soll auf der Stelle gelöst werden. Goffman hat es schon Ende der 50er erkannt: „Gerade diejenigen, die genügend Zeit und Talent haben, eine Aufgabe gut zu erfüllen, haben deswegen weder die Zeit noch das Talent anderen vorzuführen, wie gut sie sie erfüllen.“4
Dafür gibt es ja die Schauen oder die Ausstellungen und da wird das Ganze dann gezielt um 180 Grad gedreht:„Ebenso ist ein Fotomodell von „Vogue“ imstande, durch Kleidung, Haltung und Gesichtsausdruck Verständnis für das Buch auszudrücken, das es in der Hand hält; aber diejenigen, die sich so sehr um den angemessenen Ausdruck bemühen, finden meistens sehr wenig Zeit zum Lesen.“5
Ein gewisses Understatement gehört also bei Produzenten von Distinktions fördernden Gütern zum guten Ton und zeigt: „Ich arbeite hart.“ Neil Gabler zitiert in seinem Buch „Life: The Movie. How Entertainment conquered Reality“ die Modetheoretikerin Alison Lurie:“(...) Die Nichtbeachtung von Mode, fand sie,sei eine eindeutige Aussage, nämlich :“Es ist mir völlig egal, wie ich heute aussehe.“ Unter diesen Umständen machen Kleider nicht wirklich Leute;Kleider sind Leute.“6
Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.Wenn das nächste Mal jemand so tut, als sei er klüger, schöner oder um Längen ausgefuchster gekleidet als man selbst, kann man das nun mit Seelenruhe einfach hinnehmen und denken „Ich sehe also nicht distinguiert aus, wunderbar! Ich arbeite hart!“
1-5 Goffman,S.31,S.70,S.121.S.33,S.33
6 Neil Gabler,S.236
Claus Richter
|
|