| |
Franco Moschino
Franco Moschino ist mein Lieblings-Modeschöpfer. Er machte Mailand zu Paris.
Kein anderer Italiener spielte so gekonntes Modetheater, wie er. Keiner verstand es wie er, Kreativität und Intellekt zu frisch-frech-frivolen und zugleich Botschafts-schwangeren Shows zu vermischen.
Jede Modenschau - ein Genuß. Jedes Gespräch mit ihm - ein Vergnügen.
Nichts und niemand war dem genialen Künstler heilig. Auch nicht er selbst: „Wenn man keinen Palazzo mit Malereien an der Wand hat, wenn man dazu nicht noch drei oder vier Häuser hat und wenn man nicht französisch spricht,ist man kein seriöser Modeschöpfer. Ich bin stolz darauf,ein unseriöser Modeschöpfer zu sein“, spottete er einmal über die Tatsache,dass er trotz weltweiten Erfolges bescheiden geblieben war. Bis zu seinem Tod wohnte er in einer kleinen Wohnung, fuhr einen Fiat Fiorino und keinen Ferrari. Keiner konnte so wie er, mit Mode und Kleidung Schabernack treiben.Da steckt am Halsauschnitt eines Pullovers noch die Rundstricknadel. Das vermeintlich Unvollendete ist eine vollkommene Komposition: Pullover samt unkonventionellem Halsschmuck. Er zeigte braune Kostüme übersät mit Blümchen und den typischen Initialen LV für Louis Vuitton. Erst bei genauem Hinschauen erkannte man, dass nicht LV auf den Kleidern stand,sondern M. Männlichen Models stopfte er statt eines Stecktuches einen Damenslip in die Leisten-
tasche. Auf weiße T-Shirtkleider schienen Reste des Mittagessens gekleckert worden zu sein. Darüber stand:"Entschuldigung,ich bin eine Italienerin." Doch weder Spaghetti, noch Sauce-Flecken waren echt. Dafür war der Spaß ein echtes Modell von Moschino aus seiner Sommerkollektion 1993. Sämtliche Stile aus sämtlichen Epochen wurden von ihm imitiert und parodiert,er ließ auch kein Statussymbol der Pariser Haute Couture ungeschoren,machte daraus seine hinreißenden Persiflagen.Vor allem Chanel bekam in jeder seiner Kollektionen sein Fett weg. Einmal schickte er T-Shirts mit der Aufschrift „Channel Nr.5“ mit einem stilisierten Fernsehapparat drumherum auf den Laufsteg. Ein anderes Mal versah er ein Chanel-Jäckchen mit kleinen Kuhglocken statt mit Knöpfen und auf dem Rücken der Jacke prangte auch noch das dazugehörige Rindvieh, eines seiner Lieblingstiere. Denn,so Moschino:„Kühe geraten nicht in die Gefahr,Modeopfer zu werden.“
Er ließ Kostüme anfertigen,der mittels Fotodruck ein Chanel-Tweedkostüm mit allem drum und dran imitierten. Die optische Täuschung war so überzeugend, dass man wie der ungläubige Thomas erst einmal den Stoff befühlen musste, um sicher zu sein,daß er wirklich glatt und knopflos war. Keinen Zweifel, was gemeint war, ließen Erklärungen aufkommen,die er auf manche seiner Modelle schrieb: „Expensive jacket“. Oder gleich: „Questa camicia costa 1.000.000“. Das stimmte zwar nicht, aber vielleicht konnte man damit jemanden beeindrucken. Noch lieber hatte Moschino doppeldeutige Wortspielereien.„To much irony“ wurde allerdings dadurch unmißverständlich, dass die dazugehörige weiße Bluse deutliche (Stoffmuster-)Spuren eines zu heißen Bügeleisens aufwies. „Les grandes toilettes de soire“ stand auf einem kleinen Schwarzen und damit niemandem Zweifel kamen,was gemeint war, wurde der Spruch links und rechts von jenen zwei Figuren eingerahmt, die auf öffentlichen Toiletten die Geschlechtertrennung möglich machen. Die Reihe der genialen,kleinen Gags,die Moschino ohne Ende auf Lager hatte,ließe sich beliebig fortsetzen.Manchmal war es wirklich nur Spaß,manchmal waren die Einfälle zusätzlich poetisch und immer waren sie kritisch gemeint. In die ansonsten recht artigen Modeschauen der Mailänder Kollegen platzte Moschino 1983 mit seinen frechen Präsentationen, wie ein Punk in ein englisches Teekränzchen.Was ihm sofort einen ungeheuren Publikumsandrang sicherte.Wie in Paris die Schauen von Gaultier und Mugler waren Moschino-Termine immer für ein Spektakel gut. Einmal teilte er Tomaten aus. Die sollten wir auf jene Modelle werfen, die uns nicht gefielen. Dann wieder inszenierte er die Modeschau als Begräbnis,mit der Mode als Leichnam.
Im Herbst 1987 verprach die Einladung „alle Wunder dieser Erde“ und Moschino bat in ein zur Diskothek umgestaltetes,altes Fabriksgebäude. Die „große Parade“ seiner Mode überrumpelte uns mit einer zirkusartigen Vorführung, mit Gags und Klamauk, mit Blaskapellen und schriller Hmtata-Musik. Der Modezirkus ganz wörtlich genommen. Da saltomortalten Akrobaten, trieben Clowns ihr Unwesen,marschierten Majorettes auf und männliche Mannequins trugen aufblasbare Puppen für eindeutige Zwecke unterm Arm.Die dazugehörighen Mädchen trugen dagegen Transparente mit bissigen Statements:„Es gibt keinen guten Geschmack“. Als letzten Höhepunkt gab es eine Muskelmännerparade:italienische Schwarzeneggers schleppten auf Sänften, Gladiatorenwägelchen und anderen fahr- und tragbaren Untersätzen Couture-gekleidete Mannequins herbei.Keine Frage, Moschinos Mode ist tragbar, wie immer man das Wort auch versteht.
Ein wahres Feuerwerk an Parodien ließ Moschino eine Saison später auf uns los. Allein das Programmheft, das am Umschlag bat, sorgfältig gelesen zu werden, war eine einzige Kabarettnummer. Eine als „Humbrella Bogart“ angekündigte Mitwirkende trug bei der Modeschau dann ein Kleid,wie aus einem verkehrt herum genommenen Trench geschnitten, dazu trug das Model einen riesigen Schirm. Black & Light war ein langer, schwarzer Rock zu einem weißen T-Shirt, dazu gab es als Kopfschmuck eine riesige Glühbrin, in der anstelle eines Drahtes in zusammenhängender Schreibschrift zu lesen war: „youlightupmylife“. Ines de la Melange: Eine Parodie auf das damalige Chanel-Starmodel, Ines de la Fressange. Haircraft:Ein Fluzeug als Haarschmuck. Verdure-Couture:Ein Ensemble mit Stoffgemüse. Cow-boy-oy-oy-oy: Ein Wild West-Mädchen mit drei Cwoboyhüten auf dem Kopf. Dolce e Sottana: Ein Mädchen in Unterwäsche mit einer Torte auf dem Kopf. Und: Make Love not Warhol, Supercalifragilistichespiralidoso,Flamencocotte.... Bei allem Spaß, aller Parodie und aller ernst gemeinten Kritik war einerseits die visionäre Kraft und andererseits die perfekte Schneiderkunst nicht zu übersehe. Ließ man hier einen wilden Kopfschmuck, dort das boshafte Accessoire weg,blieben exzellent geschneiderte Modelle übrig,die auch noch vieles vorwegnahmen,was später bei anderen Kollegen auftauchte:Transparente Röcke,BHs und Mieder als Oberteile, Reißverschlüsse als gestalterische Elemente,witzige Taschen.Bis zum heutigen Tag leben Designer von Moschinos Visionen. Auch in seinen Werbekampagnen ätzte er hemmungslos: „Achtung, die Werbung kann Ihrem Gehirn und Ihrer Geldtasche schweren Schaden zufügen“.Er wettert gegen Überbevölkerung, Tierquälerei und Umweltverschmutzung.
Im März 1990 waren die Einladungen zur Moschino-Modeschau wie ein Theaterprogramm gestaltet.Er bat uns zu einer "Unica Rapresentazione de „Stop the Fashion System“ di Franco Moschino.Atto unico in onore del „Mondo dell’ Abbigliamento“. Auf der nächsten Seite erklärte „La Storia“,was uns erwartete:Zunächst sollte die schreckliche Frau Mode auftreten, bedeckt von ihren luxuriösen und düsteren Hüllen, wie immer toll frisiert und mit Juwelen behängt.Mit ihren Opfern probt sie in langweiligen Unterrichtsstunden wie man sich richtig kleidet und benimmt. Plötzlich erscheinen auf einer weißen Wolke glückliche Gnome und die Mode und ihre Opfer verschwinden wie von Zauberhand.Am nächsten Morgen beginnen die Gnome zu tanzen und sich anzukleiden.Jeder wählt sich aus den umherliegenden Modellen das aus, was ihm gefällt. Es herrscht eine große Konfusion und einigen Gnomen geraten die Sachen ziemlich durcheinander, aber sie sind glücklich. Spaß als Antrieb beim Anziehen - so soll es jeden Morgen sein.
Die Gnome veranstalteten sofort eine Party,um diesen Tag der Befreiung zu feiern: Es gibt keine Mode mehr, geblieben sind Menschen und Kleidung. Dazu ließ Moschino Stickers mit „Stop the fashion system - Stoppt dieses Modesystem!“ austeilen, auf denen die Mode wie auch in seiner Werbung als Vampir abge bildet war und wetterte solcherart gegen den „blutsaugenden,kommerziellen Kult“ um die Mode.Statt dessen sollte eben nur noch von Kleidung die Rede sein. Noch deutlicher konnte Moschino mit seiner Botschaft nicht werden.Also beschloß er,keine Modeschauen mehr zu veranstalten.Per Fax ließ er in typischer Moschino-Manier seine Kleider sprechen:„Wir sind da, Moschinos Kleider, und wir schreiben Dir,um Dir zu sagen,daß wir es diese Saison absolut ablehnen, über den Laufsteg zu gehen.Stattdessen würden wir Dich gerne perönlich treffen, ohne Musik, ohne Scheinwerfer,ohne Lärm,ohne Durcheinander...Komm und betrachte uns von ganz nahe,berühre uns,probiere uns,laß’ Dich nicht täuschen. Ja, wir wissen, in der Vergangeheit haben wir viele Rollen gespielt, wir waren Clowns und Madonnen, Nonnen und Märchenfeen, wir haben viele Charaktere angenommen,haben uns selbst versteckt, miteinander vermischt. Aber während all dieser Zeit mußten wir Moschino helfen,sein Projekt zu erklären,seine Geschichte,wir waren seine Komplizen, seine Schauspieler und wir sind es noch immer. Wir haben eine Menge gesagt und manche haben uns verstanden,andere haben nur gelacht und einige haben uns nicht verstanden und werden es auch niemals, aber das macht uns nichts aus.Was wirklich zählt ist,daß wir immer unser Bestes getan haben,um zu erklären,was wir für wichtig halten und jetzt möchten wir uns nicht mehr wiederholen. Wir möchten nur zeigen, wie wir sind und dafür brauchen wir kein Rampenlicht.“ Und Franco Moschino:„Offen gesagt,ich mag keine Modeschauen.Sie kosten zu viel Geld und sind eine Nervenfolter“. Statt dessen sollten wir in den Showroom kommen,der viel intimer sei und wo man die Materialien fühlen könnte. Moschino: „Wir müssen zur menschlichen Seite der Mode zurückgehen.Diese Schauen sind ja außer Rand und Band geraten. Leute gehen in die Bäckerei, um Brot zu kaufen; genauso sollen sie in den Showroom kommen,um Kleider zu kaufen.“
Doch die Geister,die Moschino rief,wird man so schnell nicht los. Das merke ich auch bei der spontanen Unterhaltung mit dem krank wirkenden Modechöpfer, die sich beim Gang durch die Kollektion für den Sommer 1993 ergibt. Vor der Türe drängen sich die Interviewsuchenden. Wichtige Medien,wichtige Kunden.Unser Gespräch hat sich an einem Kleid seiner neuen Sommerkollektion entzündet.Es ist mit Mondrianschen Quadraten bedruckt und dem Spruch:Kunst ist Liebe. „Daran glaube ich wirklich.Alles,was mit Liebe gemacht wird, passt perfekt“, sagt Moschino sehr ernst.Gleich darauf scherzt er wieder:„Ich verwende für jedes meiner Modelle ein paar Tropfen Liebe.Ich habe sie in einer Flasche“. „Könnten Sie mir nicht etwas davon abgeben“,frage ich,„ein kleines Fläschchen wenigstens?“ Seine Presselady wird nervös, blickt immer wieder auf die Uhr,bittet uns, Schluß zu machen.„Eine Frage noch,“ sagt Franco Moschino und läßt sich nicht wirklich aus der Ruhe bringen, obwohl er erschöpft zu sein scheint. Immer wieder nimmt er einen Schluck Wasser,das Sprechen fällt ihm sichtlich schwer.Doch über die Liebe und die Kunst hat er so viel zu sagen. Es klopft, eine Mitarbeiterin kommt herein, blickt ihn bittend mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung draußen an. „Ich will nicht schon wieder über die aktuelle Rocklänge und die neuesten Modefarben reden“, stöhnt Moschino und bäumt sich noch einmal gegen den Druck der Termine auf:„Zwei Fragen noch“. Jetzt hätte ich ihn natürlich am liebsten gefragt: Warum schmeißen Sie nicht alles hin? Warum lassen Sie sich so in diese Maschinerie einspannen? Sie sind der Kreative,ohne Sie geht gar nichts weiter.Sie leiden unter diesen Zwängen und Sie machen doch mit. Warum? Romana Rocchi, die Hüterin der Terminzwänge fällt mir ins Wort,noch ehe ich den Mund aufmachen kann: „Bitte machen Sie jetzt Schluß. Sie können nächste Woche, wenn der Wirbel vorüber ist,anrufen“.
Eigentlich beantwortet sich meine Frage von selbst:Wenn man auf seinen Schultern ein Modeimperium trägt,an dem hunderte Arbeitsplätze hängen,da greift ein Rädchen ins andere und Hinschmeißen ist einfach nicht drin.Wer A, wie Aufstieg sagt, muß eben auch B wie Bereitschaft zum Totaleinsatz sagen.Denn auch das Anti-Establishment gehört zum Establishment und im großen und ganzen muß Moderebell Moschino die Regeln des Modesystems, das er so gerne stoppen würde,einhalten. Moschino hat jedoch eine wunderbare Antwort.„In unserer Zeit mit ihren politischen, ökonomischen und rassistischen Problemen,gibt es eigentlich keinen Platz mehr für Mode“, sagt er zuerst pessimistisch. Um sich dann zu widersprechen: „Ich kann nicht aufhören, von Schönheit zu träumen. Das Wichtigste für mich als Modeschöpfer ist es, die Schönheit des Menschen zu vergrößern.Ich liebe diesen Beruf,den Gott mir gegeben hat“.
Ich muss das Gespräch beenden und ahne, dass es unser letztes sein wird. Schweren Herzens stehe ich auf,Moschino auch.Wir küssen und umarmen einander länger,fester und inniger als sonst:„Danke,ciao“.
Am 18.September 1994 starb Franco Moschino an Aids.
Brigitte R. Winkler
|
|