18.05.2012 Mode Depesche     <<< 0  
           
 

Der Mann von Gestern im Heute


Stephan Schneider mag Traditionen und sehnt sich nach Modernität. Ein Widerspruch?
Keineswegs. Ein Gespräch bei Tee über junge Männer, die Familie und seine Mode verschaffte Klarheit.
Eine kleine Erzählung von Nils Binnberg.

 Das kleine Geschäft in der Reynderstraat 53 in Antwerpen könnte auch eine Bäckerstube sein. Ein Laden, in dem etwas auf ganz traditionelle Weise von Hand und mit viel Sorgfalt hergestellt wird. Die Fassade ist aus dunkel lackiertem Holz, alles wirkt ein wenig gedrängt, ein wenig alt, aber charmant. Hier kauft man gerne ein. Im Schaufenster gleich links neben der Tür stehen ein paar Schuhe. Ihre Preise sind auf kleine Tafeln gesteckt. Ganz so wie man es in einem soliden Fachgeschäft in einer Fußgängerzone einer deutschen Kleinstadt erwarten würde. Hier ist das Geschäft von Stephan Schneider. Ihm gegenüber steht ein Parkhaus. Es ist aus Beton, seine Konstruktion wenig offen, es strotzt vor Modernität und will nicht so ganz in die Nachbarschaft passen. Es wirkt ein wenig bedrohlich.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass Stephan Schneider ausgerechnet hier seine Mode entwirft und verkauft. Diese introvertierte Jungmännlichkeit und auch das Spröde, dieser Altherrencharme, die seine Männer-mode hat. Hier findet seine ganz eigene Identität Ausdruck, sein ambivalentes Verhältnis zwischen Tradition und Modernität sowie zwischen Sein und Schein. Zwischen dem was war und was ist, und dem was er ist und was er gerne wäre. Und auf die Frage wie er denn nun sei, antwortet er ohne lange zu überlegen „typisch Deutsch sehr bedacht, nicht sonderlich spontan“ . Dann fügt er schnell hinzu, dass ihm das nicht an sich gefalle und es ihm daher wichtig sei, das Bedachte in seinen Sachen nicht zu zeigen, dass sie nicht sonderlich konstruiert erscheinen. „Ich habe immer gerne so was Jungenhaftes in meinen Sachen. Jungs haben irgendwie etwas Unbedachtes. Und wenn ich von jungenhaft spreche, meine ich also ‚nicht bedacht sein’.“.
Der kleine Junge im Mann, die eben angesprochene Jungmännlichkeit, sind zentrale Themen in den Arbeiten des Modeschöpfers. Und so definiert er seine Mode zwangsläufig als eine junge Mode. „Ohne dabei Mode für junge Leute zu machen, sondern eben junge Mode“, konstatiert er nachhaltig. Und dieses Interesse an junger Mode hat letztlich auch zu dem Entschluss geführt, seiner Heimatstadt Duisburg für Antwerpen den Rücken zuzukehren, denn Belgische Mode, so Stephan Schneider, sei ausdruckstarke und eben junge Mode. Und als er von seinen Anfängen in Antwerpen erzählt, von seinem Studium an der königlichen Modeakademie, von der Eröffnung seines ersten Geschäfts, ist deutlich seine Nostalgie zu spüren. Diese Sehnsucht nach der Vergangenheit. Und ehe er sich ver-sieht, taucht er weiter in seine Vergangen-heit ein, bis in seine Kindheit und erzählt von seinen Eltern. Von seinem Vater, dem Lebensmittelchemiker, der entgegen aller gesellschaftlichen Vorurteile, so gar nicht in das Bild eines klassischen Vaters, der seinen Sohn nur morgens vor und abends nach der Arbeit erzieht, passen möchte. Sein Vater habe sich immer liebevoll um ihn gekümmert, für die Familie gekocht, ihm schon morgens die Schulbrote geschmiert. Aus Mode mache er sich nicht so viel. Dazu sei er zu intellektuell.
Die Mutter, eine Friseurin, kümmert sich mehr um sich, um ihren Beruf und „typisch Frau“ auch um ihre Äußerlichkeiten und sie trägt immer noch gerne seine Sachen. Und so wird es Stephan Schneider selbst klar: „Also bei uns zuhause gibt es da keine clichéhaften Geschlechterauf-teilungen. Bei uns ist alles ein wenig freier.“. Und da kommt sie unverhofft zum Ausdruck, die Sehnsucht nach der Kindheit, die in eigenwilligen Traditionen weiterleben soll. In seinem alten Schlafanzug. Der mit den Schiffen drauf, den er in seinem Zimmer vorfindet, wenn er mal wieder bei seinen Eltern zu Besuch ist. Oder wenn er beschreibt, wie sein Vater ständig einen Schlips trug, selbst wenn er den Rasen gemäht hat.
Traditionen sind ihm wichtig, die mag er sehr und sie sind deshalb auch Bestandteil seiner Kollektionen. Und so tauchen hier und da joggingartige Jerseyhosen auf, die eben nicht sportlich, sondern augen-zwinkernd ein wenig als Reminiszenz an seinen alten Schlafanzug gemeint sind. Und ein wenig auch als Sexsymbol: „Ich finde Jungs in diesen Hosen einfach sexy. Dieses Schwulen stereotype ‚Junge in enger Jeans’ habe ich nie so super gefunden“. Und Muskeln auch nicht. „Ich finde ein breiterer Körperbau hat etwas mit Distanz zu tun. Das hat auch so eine gay-power Symbolik, oder es hat auch einfach eine Symbolik von physisch überlegen zu sein. Das finde ich auch nicht interessant.“. Und wie zum Beweis nehmen seine Laufstegmodelle eine gänzlich gegen-sätzliche Haltung ein. Eine Haltung, die für Jungs untypisch ist, weil sie zimperlich zu sein scheint. Dieser schlaksige Gestus, die fahrigen Blicke. Das ist der Gestus des Jungmännlichen, nicht der des offen-sichtlichen Sex. Da wird etwas versteckt. Da gibt es keinen Protz, werden keine Statussymbole geliefert.
Und hier sieht Stephan Schneider ein kommerzielles Problem. Er bedient nicht die Lust am modischen Status. Und so wüssten die Händler häufig nicht, wo sie seine Sachen hinhängen sollen. Zu anspruchsvoll für das obere Mittelfeld, zu wenig Statussymbolcharakter für die ganz großen Namen. Kein Kaschmir, Babylamm oder Pelz; kurz, kein massentauglicher ‚Luxus’, keine konsensuelle Camouflage. Hier gibt es keine Möglichkeit, sich hinter einem teuren Namen zu verstecken. Hier geht es um Authentizität. Und die Beschreibung seines Geschäfts ist auch hier wieder eine herrlich passende Metapher. Als würde das kleine Haus in der Reynderstraat sprechen. Ich bin nicht für die groß angelegte Massenproduktion geschaffen. Dafür reicht meine Kapazität nicht aus. Dieses Haus besitzt Manufakturcharakter. Und doch konnte es Ende der neunziger Jahre zwischenzeitlich den hohen Anforderungen gerecht werden. Als die Aufträge aus Japan kein Ende mehr nehmen wollten, Stephan Schneider dort Kultstatus erlangte und die Produktion aufgestockt werden musste. Das kleine Haus schien aus den Fugen zu geraten. Doch bevor das passieren konnte, veränderte sich der Modemarkt. Ein modisch gegipfelter Konsumverdruss wurde zelebriert. Die Produktion wurde in Folge wieder überschaubarer. Und die Reaktion Stephan Schneiders auf diesen Trend zum Anti-Konsum ist durchaus positiv zu beurteilen. „Ich bin ganz froh über diese Entwicklung. Am Anfang war es auch schwer für mich, so zu tun, als ob ich schon einen ganz großen Namen hätte und überhaupt immer so zu tun ‚als ob’, nach außen protzen, kein Geld haben und trotzdem so tun ‚als ob’. Jetzt habe ich das Gefühl, das muss ich nicht mehr machen und bin froh, weil es eigentlich gegen mich spricht. Ich möchte eine kleine Kollektion, ein kleines Atelier.“. Da spricht der Wunsch nach Authentizität. Denn klein zu sein, bedeute für ihn, ehrlich zu sein. Jedes Teil sei bei der letzten Produktion mindestens dreimal durch seine Hände gegangen und wenn es die Situation verlange, würde er seine Sachen auch schon einmal selbst verpacken. Früher habe er sich dafür vor Journalisten geschämt. Mittlerweile habe er erkannt, dass es auch Vorteile haben kann, wenn der Betrieb so bescheiden strukturiert ist. Auch weil im Moment alles so instabil sei und ein kleiner Modeapparat auch wirtschaftliche Sicherheit bedeute. Aber eben auch, weil seine Mode auf diese Weise ehrlicher sei. Und das möchte er auch kommunizieren. Auch diesen gewissen alternativen Charme. So ein typischer Stephan Schneider Kunde sei einfach ein wenig alternativ. Das habe er beobachten können, wenn er in seinem Geschäft ist. Das seien häufig schon eher Menschen, die nach innerlichen Werten strebten, keine Konsumhedonisten. Keine Leute mit viel Geld. „Ich bin auch niemand, der nur Geld verdienen und kommerziellen Erfolg mit seiner Mode haben möchte. Das gibt mir nicht so viel“, sagt Stephan Schneider. „Aber ich möchte natürlich schon, dass meine Sachen angezogen werden. Das ist mir schon wichtig. Ich bin keiner, der so etwas nur für sich macht.“ Die bevorstehende Kollektion African Tofu für den Sommer 2005 reflektiert diese Einstellung durchaus treffend. Es ist eine kleine Kollektion. Es gibt nur zwei Modelle Hemden. Ein langärmeliges und ein kurzärmeliges. Früher waren es mal elf.
Und was bedeutet überhaupt African Tofu? Was hat das für eine Semantik? Tofu. Klingt nicht nach Mode, sondern nach Bio. Und die Kombination African Tofu klingt genauso bizarr wie sein Lieblings-biospeiseeis, das knallblaue Ingwereis, schmeckt. Und tatsächlich findet man seinen Biogedanken in dieser Kollektion wieder. Tofu als Symbol für alternative Lebensformen, für alternative Kleidung. Bekräftigt wird dieses Motiv durch das Afrikanische. Hierbei habe er an primitive Art gedacht. An das Reduzierteste vom Reduziertesten. An das Ursprüngliche. Die Stoffe haben alle einen sehr simplen tatsächlich ursprünglichen Charakter. Einfach gewebte Stoffe, kein Jersey, eher sweatshirt, keine grellen Farben. Diese Kollektion spricht eine alternative Sprache. Und die sei authentisch, echt. So wie Traditionen: „Und da finde ich eben auch, dass die Tradition auch etwas sehr Authentisches hat. Das finde ich so charmant daran und das vermisse ich auch. Ich habe das auch nicht so. Ich habe auch keinen Rhythmus, obwohl ich das toll finde, z.B. jeden Freitag Fisch essen, oder so. Alles geht ja bei uns durcheinander.“. Und die ‚primitive’ afrikanische Maske mit der übergestülpten leuchtend roten Ronald McDonald Perücke, die man bei der Präsentation von African Tofu in Paris sehen konnte, drückt eben dieses Dilemma aus. Dass bei aller Modernität die Tradition ausgeklammert bleibt. Dass das Leben so ein bisschen wie ein Supermarkt ist und dabei der Bezug zum Echten verloren geht. Und dann wird Stephan Schneider unge-wollt ein wenig politisch: „Ich finde es wichtig, menschliche Sachen zu machen.“. Sachen, die für das Leben taugen. Und obgleich aller Kritik, die in seinen Sachen mitschwingt, ist der eigentliche Motor für seine Kollektionen der Traum. Die Kritik ist quasi ein (un)bewusstes Nebenprodukt und der Wunsch nach Tradition und Authentizität entstammt dem Artifiziellen. Die Welt von Stephan Schneider ist auch Inszenierung. Da werden ganz banale, alltägliche Ereignisse und Stimmungen aus der Vergangenheit erträumt. Die Atmos-phäre in der Schulklasse oder das Gefühl beim Puzzle spielen. Das bildet die Substanz für seine Mode.
Und da ist auch dieser leichte Ostblock-charme, den seine Sachen haben. „Es hat mal jemand gesagt, er hat das Gefühl, er sieht Jungs, die aus einer Disko kommen an der baltischen See. Das finde ich super.“. Auch dieses Bild resultiert aus Träumen und Phantasien. Ganz stereotype Träume vom Leben in Russland, ohne jemals dort gewesen zu sein. Dieser sozialistische Einschlag, alles ein wenig ärmlich. Die modische Realität in Russland sieht da anders aus. In den Großstädten findet häufig eine Überinterpretation italienischer Luxusmode statt. Große Gesten statt ländlicher Tristesse. Das ahnt auch Stephan Schneider und deshalb zögert er auch noch mit seiner Zusage für eine Teilnahme an der russischen Modewoche im November.
Als er darüber spricht, muss er lachen. Vielleicht erkennt er gerade, dass ihn dort die Realität einholen und ihm etwas von seinen Träumen nehmen könnte. Und so hält er lieber an Bewährtem fest. Bleibt lieber im Gestern und wagt sich nur für einen Moment ins Heute. Und da zeigt sich kurz eine Angst vor dem Heute, in der auch ein wenig Sehnsucht danach mit-schwingt.
Und etwas später am Tag denkt Stephan Schneider laut nach. Über den Standort seines Geschäfts. „Irgendwie passt das Parkhaus von gegenüber nicht so recht hier her. Oder was meinst du?“.

 

Nils Binnberg